Reims (2013 / 14: Heinz-Gerd Dreehsen)

  

  

Clubfahrt des RC Oberhausen im rotarischen Jahr 2013/2014 nach Reims, Frankreich, 05. – 07.10.2013
Präsident: Heinz-Gerd Dreehsen

Die rotarischen Clubfahrten sind immer etwas Besonderes – und meist sind es Heimspiele für den Präsidenten. Der sucht das Ziel aus, eine Stadt, in der er groß geworden ist oder die er liebt und die er seinen Freunden zeigen will, ein Land oder auch nur ein Landstrich, den man gemeinsam erkundet. Jedenfalls sind die rotarischen Vorgaben denkbar gering, und der Präsident kann nach Lust und Laune walten. Heimspiele ja, aber auch die können tückisch sein. Der Berichterstatter erinnert hier nur an die von ihm ausgerichtete Clubfahrt an seine heimatliche Nordseeküste, wo das Wetter so schlecht war, daß die eigens arrangierte Seefahrt zur Vogelinsel Mellum buchstäblich ins Wasser fiel.  Und es existiert immer noch ein vergilbtes Photo unserer Freunde Stolberg und Hedderich, wie sie sich mutig gegen den Sturm stemmen,  der an jenem Wochenende an der Küste tobte.


Heimat würden unser Präsident und seine Gattin die Gegend, in die die Clubfahrt diesmal führen sollte, nicht nennen wollen, aber eine zweite ist sie wohl allemal. Bereits seit 21 Jahren, so erzählten sie später in kleinem Kreis, fahren sie nach Reims, jener geschichtsträchtigen Stadt im Herzen der Champagne, einem Landstrich, in der schon der Name Programm ist, und ein verheißungsvolles dazu.  Und so bestiegen die Freunde und ihre Partner am Samstag morgen um halb 8 erwartungsvoll den auf dem Gelände der Stoag bereits wartenden Bus – und die Erwartungen sollten nicht enttäuscht werden. Den ersten Champagner gab es bereits, da hatten wir den deutschen Boden noch nicht einmal verlassen: Birgit Pasdzior hatte einen runden Geburtstag gefeiert und lud die Mitreisenden ein, darauf anzustoßen. Die bedankten sich mit einem musikalischen Glückwünsche in Form eines Kanons, gefühlt 9-stimmig, aber nicht weniger herzlich.


Die Fahrt verlief wie im Fluge – draußen flog eine verregnete Landschaft  vorbei. In Belgien gab es die erste Pause – dank der vielen auf Anraten der Reiseleitung mitgebrachten 50-Cts-Stücke ohne großen Zeitverlust – und pünktlich um 14:30 hielt der Bus vor unserem Hotel, wo die erste große Überraschung (für viele von uns jedenfalls) bereits wartete: eine umfangreiche Delegation unserer Freunde aus PontAudemer hatte es sich nicht nehmen lassen und war ebenfalls am Morgen, wenn auch etwas später als wir, ins Auto gestiegen, nicht nur um uns in Reims zu begrüßen, sondern auch um die Tage gemeinsam mit uns zu verbringen. So war aus der kleinen (viel zu kleinen!) Runde aus Oberhausen plötzlich doch noch eine stattliche Schar geworden, und bei Madeleines und Macarons , Mocca und Tee erreichte der Schallpegel bald beträchtliche Werte. Die ersten Begrüßungsansprachen wurden gehalten, wobei es bei den französischen Gästen auch darum ging, das Fehlen sowohl der Präsidentin als auch des Vize zu entschuldigen.

Reims - schon von weitem hatte uns auf der Hinfahrt die als Krönungskirche bekannte Kathedrale der Stadt mit ihren beiden markanten Stumpftürmen gegrüßt. Hier wurden viele Jahrhunderte lang die französischen Könige gekrönt und gesalbt, von Chlodwig I. in 496 bis Charles X. in 1830. Im Palais de Tau, das wir nach der Kathedrale besuchten, hängt von Letzterem noch ein Bild, in dem er im königlichen Ornat auf den Besucher herabblickt. Schändlichen Ruhm erlangte die Kathedrale 1914, zu Beginn des 1. Weltkriegs, als deutsche Truppen sie ohne jede taktische oder strategische Notwendigkeit in Brand schossen, wobei das Dach und viele der unzähligen Skulpturen zerstört wurden. 50 Jahre später besiegelten General de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer in einem symbolischen Akt an eben dieser Stelle die deutsch-französische Aussöhnung.


Am Nachmittag reichte es nur für einen Gang um das imposante Bauwerk, unter sachkundiger Führung der Reiseleiterin, zu der der Präsident seine Frau Birgit ernannt hatte. Sie wußte mit ihrem geradezu enzyklopädischen Wissen auch die ausgefallensten Fragen zu beantworten, allerdings in Häppchen, sound bites auf Neudeutsch, damit Francois Lefevre mit dem Übersetzen für seine Landsleute überhaupt mitkam.

Auf das Gruppenfoto, das auf der Freitreppe im Hof zwischen Kathedrale und besagtem Palais de Tau arrangiert wurde, folgte die Besichtigung des Musée de Tau mit seinen wertvollen Gobelins, Originalskulpturen, Gemälden, der Königskrone und anderen hübschen Dingen, für die sich insbesondere die anwesenden Damen interessierten. Imposant auch die Ausmaße des Festsaals, wo die anläßlich einer Krönung abgehaltenen Festbankette mit – wenn sich der Berichterstatter nicht verhört hat – Tausenden von Gästen und entsprechenden Mengen an verzehrten Rindern, Geflügel, Käse, Wein (in Hektolitern), die bei einer solchen Gelegenheit herbeigeschafft und konsumiert wurden.


Unser etwas intimeres Festbankett fand am Abend im Hotel statt, wo mehrere Tische gemischt mit deutschen und französischen Freunden eingedeckt waren. Der Anfang war etwas laut, vor allem für diejenigen Freunde, die in der Nähe des Saxophonquartetts ihre Plätze gefunden hatten; es wurde deutlich leiser, als die Anwesenden den Ansprachen von Heinz-Gerd Dreehsen und François Lefèbvre lauschten, und wurde vollends leise, als die Speisen serviert wurden. Da hörte man nur noch das Klappern der Bestecke, als wir uns an ganz zart gebratener Entenleber und an Hummer mit grünem Spargel labten. Daß die Freunde aus Frankreich sehr viel schneller ihre Teller leer hatten als wir, und daß sie mit dem Brot sogar noch die Teller leer putzten sei nur am Rande bemerkt. Am größeren Hunger kann es nicht gelegen haben, denn beim Käsegang und dem himmlischen Dessert waren wir genau so flink wie sie.

Die Fortsetzung des Abends gestaltete sich so, wie wir es von den Franzosen eigentlich schon gewohnt sind: erst wird die Tischmusik, die inzwischen aus der Konserve geliefert wurde, etwas lauter, dann fangen die ersten Paare an zu tanzen, dann sind es mehr, und plötzlich ist die Hölle los. Die Tanzbewegungen werden verrückter, alle tanzen in einer wilden Polonaise durch den Saal, auf der Tanzfläche bildet sich der berühmte Lindwurm, der sich fortbewegt, indem er das vorderste Paar verschluckt, es im Innern unter wilden Bewegungen verdaut und hinten wieder ausspuckt.


Und dann war genau so plötzlich wieder Schluß, und mit Küßchen hier und Küßchen da verabschiedeten sich die einen auf ihre Zimmer, die anderen in die Bar. Wo die Unermüdlichen blieben, als auch die Bar Schluß machte, hat sich dem Berichterstatter nicht erschlossen.


Tag 2 des Ausflugs begann, bei klarem Wetter, mit einer Fahrt durch die am Sonntag morgen fast menschenleere Stadt zur Basilika Saint Remi, einem imposanten Kirchenbau, der unter anderem den Schrein des Heiligen Remigius beherbergt, der um 500 den ersten christlichen König Frankreichs, Clovis, taufte.  Extra für uns hatte die Reiseleitung eine Darbietung an der Kirchenorgel arrangiert; spontan kam die Darbietung eines Laienchors aus Kiel dazu, die a capella, den Raum der großen Kirche mit ihrem Klang erfüllte. Leider konnten wir den jungen Menschen nicht lange zuhören, denn die Zeit eilte, und der Terminplan war noch voll.

Draußen waren inzwischen die Wolken fast vollständig verflogen, und die Sonne strahlte vom blauen Himmel, als es mit dem Bus Richtung Epernay ging, durch die Weinfelder der Champagne. Hier hatte unser Präsidentenehepaar eine ganz besondere Überraschung für uns vorbereitet: ein Picknick im Grünen. Endlich wußten wir, wofür unsere Frauen so fleißig Kuchen gebacken hatten! Der Platz, an dem der Bus uns entließ, war fast komplett von Weinfeldern eingerahmt, die einen ungestörten Blick auf die lieblich-anmutige  Hügellandschaft der Champagne freigaben. Schnell waren Tische und Bänke aufgebaut, und aus den  mitgebrachten Taschen und Beuteln unserer französischer Freunde ergoß sich eine wahre Flut von Köstlichkeiten: verschiedenste selbst hergestellte Terrinen  und Pasteten, Schinken, Wurst, Käse, Tomaten, dazu natürlich Brot und Rotwein, in der großen Flasche,  aber  auch im Sack. Man sah nur noch fröhliche Gesichter, die da mampften, sich zuprosteten – in keinem Sterne-Restaurant hätte es uns besser munden können! Schnell kam auch Kontakt zu anderen Reisegruppen zustande, denen es nicht ganz so gut ging wie uns: Arbeiter, die einen weiten Weg von Deutschland hinter sich hatten, um bei der Weinlese zu helfen, und die uns bei der Abfahrt dennoch fröhlich hinterherwinkten, wohl dankbar für die Reste unserer Tafelfreuden, die wir ihnen hinterlassen hatten.

Unser eigentliches Tagesziel war Epernay, sozusagen das Epizentrum der Champagnerproduktion. Bei der Fahrt in die Stadt auf der Avenue de Champagne (bei der man nicht weiß, ob der Name sich auf das Getränk oder doch nur auf die Gegend bezieht) passiert man links und vor allem rechts die prunkvollen Niederlassungen der großen Champagnerproduzenten: Möet Chandon (in feineren Kreisen auch gern als Möt bezeichnet), Dom Perignon (wo der Mönch gleichen Namens, der Erfinder des Getränks, durch das Gitter grüßt), Castellane (der mit dem unübersehbaren Turm), Mercier, das ist der mit dem großen Faß. Dieses beeindruckende Gebilde, für dessen Herstellung das Holz von 200 Eichen verarbeitet worden war, ließ der findige Gründer Firma in 1888 von 24 Ochsen zur Weltausstellung nach Paris ziehen, wo es neben dem Eiffelturm offensichtlich die große Attraktion war. Dieser Werbegag funktioniert auch nach mehr als 100 Jahren: nicht nur das Foyer wird von diesem Monumentalwerk beherrscht; auch der einführende Werbefilm, den wir in einem Plüschkino an drei Leinwänden gleichzeitig vorgeführt bekamen, kreist um das große Faß. Bei Mercier ist alles monumental, so wie die Besichtigung des Weinlagers. Mit dem Aufzug geht’s in die Tiefe und dann mit einer Art Grubenbahn durch die Gänge dieser unterirdischen Stadt, wie sie im Prospekt genannt wird, vorbei an Abertausenden von Flaschen, penibel gestapelt, beschriftet. Eindrucksvoll – und Durst machend. Ich denke, alle waren froh, als sie das Licht des Tages wiedererblickten – versüßt durch einen Glas edlen Mercier-Champagners (brut).

Zurück in Reims ist der Tag noch nicht zu Ende: nach einem Stopp vor dem Hotel gibt es für Unermüdliche noch die Möglichkeit einer Besichtigung des Inneren der Kathedrale und des Musêe de la Reddition, zu deutsch etwa: Museum der Übergabe oder der Kapitulation. Man kann nur beides oder keins, dafür liegen die Stätten zu weit auseinander, und so kommt das Museum zu kurz. Denn Reims ist nicht nur die Stadt der Königskrönungen und des Champagners, wie es in den Werbeprospekten heißt, sondern auch der jüngeren Vergangenheit. Im ersten Weltkrieg war Reims stark zerstört – die Kathedrale, in der heute eindrucksvolle zeitgenössische Photographien aushängen, war eines der ersten Opfer dieser wüsten Zeit. Im zweiten war die Stadt als Folge des Blitzkriegs lange Zeit besetzt und mußte sich mit der Besatzungsmacht arrangieren. (Eines Place de Deportation wird in Reims ebenso gedacht wie in vielen anderen Städten dieser Region).


Das Musêe de la Reddition ist der Originalschauplatz, wo am 7. Mai 1945 die Urkunde der bedingungslosen Kapitulation Nazi-Deutschlands unterzeichnet wurde. Der Raum, in dem dieses geschichtsträchtige Ereignis stattfand, ist fast im Originalzustand erhalten. Landkarten des Kriegsverlaufs, Dokumente, Photographien und Paraphernalia runden das Bild ab. Im Foyer wird auf Französisch und Deutsch ein 10-minütiger Film gezeigt, von dem mir vor allem der Jubel der Franzosen, Frauen, Kinder und alten Menschen beim Einmarsch der Befreier, also der Amerikaner, in Erinnerung geblieben ist.

Montag -  der letzte Tag dieser erlebnisvollen Clubreise ist angebrochen. Etwa die Hälfte unserer französischen Freunde ist noch dabei, die andere ist am Vorabend aufgebrochen; schließlich ist heute Wochenanfang. Auf dem Programm steht, bis auf die Rückreise, nur ein Punkt: die Besichtigung der Champagne Lanson.
Wer meinte, wir müßten wieder in die Champagne zurückfahren nur, um einen weiteren überdimensionierten Weinkeller zu besichtigen, hat sich gleich zwei mal  geirrt: nur 2 km vom Hotel entfernt liegt, gleich jenseits des Kanals, also noch in der Stadt, in einer engen, für den Bus kaum zu schaffenden Seitenstraße, eine der ältesten Kellereien der Champagne. Unser Besuch beginnt, wo jeder Wein beginnt: am Weinberg, nur daß dieser Wein nicht an einem Berg wächst, sondern gleich hinter dem Parkplatz, eingerahmt von Stadthäusern und in Sichtweite der Kathedrale. Es ist ein richtiger clos, und das steht auch für jeden, der das nicht glauben will, so auf einem Schild mitten in Feld.

Und das unterscheidet diese Besichtigung von der am Vormittag: es ist vieles hands-on: Wir können, jedenfalls an ausgewählten Schritten, verfolgen, wie der Champagner entsteht: wie der Most in den schlanken Gärtanks aus Edelmetall brodelt; wir bestaunen andächtig den Raum, wo die Kellermeister die assemblage, also die Vermählung der verschiedenen Weinsorten, austüfteln und natürlich auch die Weinkeller, wo die Flaschen still vor sich hinbrüten, zunächst Kopf an Fuß, dann, kurz bevor die Rüttelei beginnt, auf Europaletten, jetzt aber streng ausgerichtet Kopf an Kopf. Das Ausschießen des gefrorenen Kronkorkens geschieht wieder hinter verschlossener Tür, aus verständlichen Gründen, aber jeder von uns weiß jetzt jedenfalls, woraus Marc de Champagne besteht. Für die Augen interessant wird es erst wieder an der Abfüllstation, wo die verdrahteten Flaschen ihre dekorativen Plastikhauben bekommen, die visuelle Endkontrolle durchlaufen und schließlich etikettiert und verpackt werden. Das Ganze völlig automatisch, überwacht von höchstens 3 oder 4 der insgesamt 34 Arbeiter, die insgesamt für die Produktion bei Lanson verantwortlich sind.


Im Bus, nach der Verabschiedung von den Franzosen, dem Verstauen des Gepäcks, der obligatorischen Pause im Autobahnrestaurant in Belgien, nach der Auswertung des Fragebogens unserer MC-Prüfung, die unseren Freund Ricardo als glücklichen Gewinner sah (er hatte 9 von 10 Fragen richtig beantwortet; den Berichterstatter hätte, aus naheliegenden Gründen, allerdings interessiert, ob die 10 anderen Freunde und ihre Partner, die zusammen mit Ricardo im Heck des Busses saßen, an derselben Frage gescheitert waren), nach all diesen wichtigen und unwichtigen Ereignissen, die sich auf der Rückfahrt ereigneten, fand unser Freund Rafael, kurz vor Oberhausen, unter anderem diese Worte des Dankes, denen sich, denke ich, alle Mitfahrenden anschließen können.
           

Liebe Birgit, lieber Heinz-Gerd – man kann nur lieben, was einem vertraut ist. Ihr habt Euch Frankreich vertraut gemacht und Ihr liebt dieses Land. Auf dieser Fahrt habt Ihr uns Frankreich, so gut es in 3 Tagen geht, vertraut gemacht, und dafür danken wir Euch!

Protokoll: Volker Buss